Literaturkurs 10. Jahrgang der Kopernikus-Oberschule, Berlin-Steglitz  
 
   
Melanie - kleines FotoVerschollen zwischen Palmen  

 
Kapitel 3

Früh am Morgen hörte Jasmin, wie jemand schrie. Sie kroch verschlafen aus dem Unterschlupf heraus, um nachzuschauen, wer das gewesen war. Als sie sich draußen aufrichtete, kam Eve laut heulend an ihr vorbeigerannt. Sie lief so schnell, daß Jasmin nicht wußte, was sie davon halten sollte.
Plötzlich hörte Jasmin, wie sich jemand von hinten an sie heranschlich und dann sagte: "Halt still, es ist ja gleich vorbei." Jasmin drehte sich erschrocken um und sah Julia mit einem Taschenmesser hinter sich stehen.
"Was machst du denn da? Bist du verrückt?!" entfuhr es ihr.
"Nein, ich bin Bond, James Bond, 007, mit der Lizenz zum Töten."
"Ach, laß mich in Ruhe mit deinem Gespinne! Wahrscheinlich hast du Eve mit dem Messer zu Tode erschreckt und deshalb ist sie hier heulend vorbeigezischt?" Jasmin stand auf, ließ Julia stehen und ging den Strand entlang. Sie sah Kim und Eve weiter unten am Strand sitzen und setzte sich zu ihnen. Kim hatte den Arm um Eve gelegt, die immer noch leise schluchzte. Die drei saßen schweigend da und betrachteten das Meer und den Himmel über ihnen. "Ach, wißt ihr, woran ich gerade denke?" brach Kim das Schweigen, um die anderen aufzumuntern.
"Ich stelle mir gerade vor, was ich machen würde, wenn ich zu Hause wäre."
"Was würdest du denn machen?" fragte Jasmin.
Eve, die natürlich nichts verstanden hatte, saß nur da und schaute weiter auf das Meer.
"Ich würde erstmal ein riesiges Schaumbad nehmen und zu McDonalds gehen." spann Kim ihre Gedanken weiter.

Inzwischen waren auch Jay und Maria dazugekommen. Maria sah sich entrüstet um, stemmte die Arme in die Seiten und sagte in anklagendem Ton: "Na, faulenzt ihr schön? Ihr seid doch heute dran, Früchte zu besorgen oder irre ich mich. Wir haben doch einen Dienstplan erstellt. Das machen wir doch nicht umsonst! Es soll doch alles ein bißchen organisiert ablaufen! Und ihr sitzt nur rum und macht euch einen schönen Tag!"
"Hör auf mit deinem blöden Rumgemecker und pflück´ deine Früchte selber!" sagte Kim zu ihr. Doch dann stand sie langsam auf und schloß sich humpelnd den anderen an.

Sie gingen langsam in Richtung Landesinnere, um im Wald die tägliche Portion Früchte und Beeren zu sammeln. Auf dem täglichen Speiseplan der Mädchen standen Bananen, Mangofrüchte, jede Menge Beeren und ab und zu mal Fisch. Dazu gab es klares Wasser aus dem kleinen Bach, der sich durch einen Felsenschlitz seinen Weg ins Meer suchte. Diese Ernährung war sicherlich sehr gesund und vitaminreich, aber nach fast drei Monaten hing sie den Mädchen langsam aber sicher zum Halse heraus. Was hätten sie für einen schönen, fetttriefenden Hamburger, einen Döner Kebap, eine knusprige Pizza Salami oder eine Portion Pommes mit Mayo gegeben, dazu eventuell eine eiskalte Coke! Wahnsinn! Allein der Gedanke ließ ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Dennoch wurden sie von diesen Gedanken nicht satt, sie bekamen trotzdem jeden Tag Hunger und den stillten sie mit ihren "Banana-Burgern" oder "Mango-Pommes", kleingeschnetzelte Mangostreifen mit rotem Saft bekleckert.
Als die Mädchen mit dem Früchtesammeln fertig waren, gingen sie zum Unterschlupf und bereiteten das Essen zu. Nach dem Essen lehnten sich alle gemütlich zurück.
"Wißt ihr was?" sagte auf einmal ganz unvermittelt Jay. "Wir sollten uns mal ernsthaft Gedanken machen, wie wir auf uns aufmerksam machen können, falls hier mal ein Flugzeug vorüberfliegt."
Die anderen Mädchen begannen sofort, heftig zu diskutieren. Nach einer Weile wurde beschlossen, Holz zu sammeln, um es dann als SOS-Zeichen an den Strand zu legen und dieses anzuzünden, falls sie ein Flugzeug hören würden. Diese Buchstaben sollten viel stabiler und größer sein als die, die sie am Anfang aus Palmwedel gelegt hatten und die der Wind schon längst weggeweht hatte.

Am nächsten Tag machten sich alle auf daran, Holz zu sammeln. Gegen Mittag hatten sie genug Material und legten es so an den Strand, daß man von oben deutlich SOS lesen konnte. Alle freuten sich über diese gemeinsame Aktion.

Nach etwa einer Woche schwanden ihre Hoffnungen, daß sie bald von einem Flugzeug gefunden werden würden.

Die Mädchen waren enttäuscht, obwohl sie wußten, daß die Chance gerettet zu werden sehr gering war. Kim schlug vor, täglich Holz zu sammeln und anzuzünden. Sie machten sich also an die Arbeit, jeden Tag Holz zu sammeln, um es dann abzubrennen, in der Hoffnung, daß ein Flugzeug oder ein Schiff die Rauchfahne sehen würden.

So vergingen drei lange Wochen.

Eines Nachmittags betrat Jasmin den Unterschlupf, als sie Eve sah, die völlig verstört weinend dasaß. Jasmin versuchte zu erfahren, was sie hatte. Es war aber nichts zu machen. Eve saß nur da, weinte und reagierte nicht.

Jasmin ließ sie achselzuckend in Ruhe.

Aber das sollte sie schon kurze Zeit später sehr bereuen.


 
 
 
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