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Kapitel 6
Es waren wieder zwei Wochen vergangen, und es war nichts Außergewöhnliches passiert. Die Mädchen gingen angeln und manchmal gab es kleine Streitigkeiten über banale Sachen. Vanessa und Naomi saßen am Strand und unterhielten sich über früher, als sie noch zu Hause waren, über ihre Eltern, Geschwister, Freunde, die Kochkünste der Mütter. Bald aber versiegte das Gespräch, und die beiden Mädchen gerieten in tiefes Grübeln.
Auf einmal kam Julia aus dem Wald auf sie zu und sagte: "Schnell kommt mit, ich muß euch was zeigen." Bevor die beiden aus ihrer Gedankenwelt zurück waren, war Julia schon fast wieder im Wald verschwunden und rief ihnen zu, daß sie endlich kommen sollten. Die Mädchen sahen sich verdutzt an und gingen ihr nach.
Vanessa meinte zu Naomi: "In wen sie sich diesmal wohl verwandelt hat?"
Plötzlich bemerkte Vanessa, daß sich Regenwolken gebildet hatten, sie machte Naomi darauf aufmerksam, indem sie mit dem Finger in Richtung des Himmels zeigte: "Sieh mal, wir kriegen wieder mal ein Unwetter."
"Na, hoffentlich wird es nicht so schlimm wie das letzte Mal." erwiderte Naomi. Sie gingen weiter in den Wald. Sie sahen Julia nicht mehr und riefen nach ihr. Naomi drehte sich um und erschrak heftig, als Julia auf einmal vor ihr stand.
"Wir haben nach dir gerufen, warum hast du nicht geantwortet?"
"Ich hab es nicht gehört." meinte Julia leichthin. Naomi dachte darüber nach, daß sie das Rufen hätte hören müssen, wenn sie so nahe bei ihnen war.
Sie wurde aber in ihren Gedankengängen unterbrochen, als Vanessa Julia fragte, wo sie denn mit ihnen hinwolle. Julia murmelte nur etwas Unverständliches und ging weiter voraus. Sie gerieten immer tiefer in den Wald hinein. Es zogen immer mehr Regenwolken auf und dadurch wurde es schnell dunkel.
Julia rief: "Wir sind so gut wie da!"
"Wurde auch Zeit", sagte Vanessa, "ich will so schnell wie möglich wieder zurück. Es ist ziemlich dunkel geworden!"
Julia lachte und sagte im Gehen: "Hat die kleine Vanessa etwa Angst in der Dunkelheit?"
"Hast du keine?" fragte Naomi zurück. Julia drehte sich um und grinste nur. Kurz darauf waren sie auf der anderen Seite des Waldes. Vor ihnen lag ... ein Berg.
"Deswegen hast du uns hierher gebracht, wegen eines Berges, denkst du, wir haben noch nie einen Berg gesehen, oder was?" rief Naomi wütend.
"Ganz ruhig", sagte Julia, "es ist nicht der Berg... es ist auf dem Berg."
Julia und Naomi begannen, auf den Berg zu steigen. Vanessa zögerte. Julia fiel das gar nicht auf, sie ging weiter. Als Naomi bemerkte, daß sich Vanessa nicht von der Stelle bewegt hatte, ging sie zu ihr zurück und fragte: "Was ist denn los mit dir?"
"Ich habe Höhenangst!" erwiderte Vanessa.
"Im Flugzeug hast du dich doch auch nicht so angestellt?"
"Da hab ich auch nicht gesehen, wie hoch es ist, doch das wird da oben auf dem Gipfel nicht zu vermeiden sein!"
"So hoch ist der Berg nicht! Wenn du aber sehr große Angst hast, kannst du hier unten warten."
"Nein, ich komme lieber mit. So schön ist es hier unten auch nicht."
Die beiden bemerkten, daß Julia schon ein ganzes Stück voraus war und gingen etwas schneller. Als sie nur noch ein paar Schritte von Julia entfernt waren, hörten die beiden Julia reden, doch sie kümmerten sich nicht darum.
Nun fing es an zu regnen und es wurde kälter.
"Ich hoffe bloß, es lohnt sich", sagte Naomi etwas wütend. Sie bekam aber keine Antwort. Man konnte in der Ferne die ersten Blitze aufleuchten sehen.
"Wir sollten umkehren!" sagte Vanessa, zitternd vor Kälte.
"Ja, das finde ich auch!" schloß sich ihr Naomi an.
"Nein, wir sind fast da!" schrie Julia.
Vanessa lief immer unsicherer. Naomi bemerkte es, ging zu ihr und hakte sich bei ihr ein. Vanessa war so übel, daß sie kaum ein Lächeln über die Lippen brachte. Julia schaute über ihre Schultern zurück, um nach ihnen zu sehen und stolperte unversehens über einen Stein, den sie nicht gesehen hatte. Sie fiel ziemlich hart der Länge nach hin. Als Naomi das sah, erschrak sie. Sie ließ Vanessa kurz stehen und lief zu Julia, die sich gerade wieder aufrappelte. Dafür, daß sie so hart gefallen war, hatte sie kaum Verletzungen abbekommmen, nur ihr Unterarm hatte ein paar Schrammen.
"Ist alles in Ordnung?" fragte Naomi.
"Ja, alles klar, mir gehts gut" Julia sah sich ihren Arm an.
"Das tut bestimmt weh?"
"Nein, es sieht schlimmer aus, als es ist." erwiderte Julia leichthin. Vanessa rief, was denn los sei, aber statt einer Antwort schlug unvermittelt direkt neben ihr ein Blitz ein. Vanessa erschrak furchtbar, verlor den Halt und schlidderte den Berg hinab.
Naomi und Julia rannten los, um sie noch aufzuhalten, aber sie kamen zu spät. Vanessa versuchte, sich irgendwo festzuhalten, aber es gelang ihr nicht. Erst als ihre Füße Halt fanden, konnte sie sich auch mit einer Hand festklammern.
"Vanessa", rief Julia, "ist alles in Ordnung?"
"Ich hänge in einem Berg, habe Höhenangst und einen beschissenen Halt. Würdest du das in Ordnung nennen?" schrie Vanessa zurück.
"Ich glaube nicht." antwortete Julia. Naomi wußte gar nicht, was auf einmal los war. Julia nahm entschlossen alles in die Hand. Sie sagte zu Naomi: "Rede mit ihr, ich suche etwas, womit wir sie hochziehen können."
Bevor Naomi etwas erwidern konnte, war Julia schon weg.
Vanessa war etwa zwölf Meter hinuntergerutscht und lag halb liegend, halb hängend in einer unbequemen Position.
"Siehst du noch einen besseren Halt?" rief Naomi. Vanessa sah sich noch einmal richtig um. Ein Stück weiter unten sah sie etwas, was wie der Eingang einer Höhle aussah.
"Ich glaube, hier gibt es eine Höhle!"
In diesem Moment kam Julia zurück und fragte: "Was ist denn?"
"Vanessa meint, da unten ist eine Höhle!" meinte Naomi ungläubig.
"Ja, das stimmt!" sagte Julia "Genau das wollte ich euch zeigen. Ich denke, daß sie auf die andere Seite des Berges führt."
"Woher willst du das denn wissen?" fragte Naomi.
"Ich weiß es eben!" sagte Julia.
"Ist das eine Privatunterhaltung oder darf man mitreden?" fragte die Stimme von unten.
Während dieses kurzen Gesprächs wurde der Regen immer stärker. Schon bald war er so heftig, daß er Erde mit sich riß.
Julia sagte: "Wir können es jetzt gleich auskundschaften, ob man auf der anderen Seite rauskommt, ich habe nämlich nichts gefunden, womit man sie raufziehen könnte."
"Jetzt? Da runter?" fragte Naomi entsetzt.
"Ja, ich glaube, wir müssen denselben Weg nehmen wie Vanessa, mit dem Unterschied, daß wir ihn langsam und vorsichtig benutzen werden."
"Bist du verrückt geworden, wir brechen uns den Hals!"
"Die Chance, daß wir uns auf diesem Weg hier den Hals brechen ist genau so groß!" erwiderte Julia.
Mit diesen Worten schwang sich Julia über den Hang und krabbelte vorsichtig rückwärts auf allen Vieren den Berg hinab. Naomi beobachtete sie dabei.
"Na, komm schon." sagte Julia.
Vanessa, die Julia von unten beobachtete, verstand nicht, was oben vorging und fragte: "Was macht ihr denn da?"
"Hier oben wird es langweilig ohne dich, und wenn du nicht zu uns kommst dann kommen wir eben zu dir."
"Ich hoffe nur, daß wir auch wirklich bei ihr ankommen und sie nicht verfehlen." sagte Naomi mehr zu sich selbst als zu Julia und schaute unschlüssig den Hang hinab.
"Wenn du dich nicht bald bewegst, wirst du deinen Hals brechen. Der Regen macht den Boden immer rutschiger." schrie Julia.
"O.K.!" erwiderte Naomi, faßte sich ein Herz und folgte ihr.
Vanessa fing an zu begreifen: "Ihr wollt doch nicht in diese Höhle, oder?"
" Wieso nicht, ist doch mal was Neues!" antwortete Julia.
"Und wie soll ich dahin kommen?"
"Du mußt es versuchen, denn hoch kannst du nicht mehr, es ist zu glatt! Versuch mal, dich durch den Schlamm runterrutschen zu lassen."
"Aber..."
"Wir alle können das!" erwiderte Naomi mit zitternder Stimme.
Julia war schon fast auf derselben Höhe wie Vanessa, Naomi war ein paar Meter über ihnen.
"Komm hier rüber, Vanessa", rief Julia.
Sie nährten sich immer weiter dem Eingang.
Vanessa murmelte: " Ich kann nicht mehr."
Ihr wurde schwindlig und beinah wäre sie rückwärts gefallen, aber Julia hielt sie fest. Vanessa klammerte sich an Julia: "Falls ich mich je wieder entschließe, irgendwo raufzuklettern, was größer ist als ich selbst, dann haltet mich bitte auf, ja?"
"Geht klar," sagte Naomi, "sonst alles in Ordnung mit dir?"
"Quatscht nicht, kommt jetzt!" befahl Julia.
Als sie endlich an der Höhle ankamen, stieg Julia als erste hinein. Dann zog sie Vanessa mit Hilfe von Naomi, die von unten schob, in die Höhle hinein. Naomi trat dabei ziemlich viel Boden weg, so daß sie auf einmal abrutschte. Julia und Vanessa griffen beide je eine Hand von Naomi, diese stemmte ihre Beine gegen den Berg, setzte einen Fuß vor den anderen und kletterte langsam ebenfalls in die Höhle.
"Schon mal an eine Diät gedacht?" fragte Vanessa, die kaum noch Luft bekam.
"Bis jetzt noch nicht." keuchte Naomi zurück.
Vanessa setzte sich hin und dachte nur, daß sie nie wieder aufstehen wollte. Naomi kniete auf allen Vieren und hechelte nach Luft. Julia sah sich derweile das Bein von Vanessa an.
"Kannst du es bewegen?"
"Schon, aber es tut höllisch weh!" sagte Vanessa.
"Meinst du, daß es gebrochen ist?" fragte Naomi Julia leise.
"Glaub´ ich nicht, wenn es gebrochen wäre, könnte ich nicht so raufdrücken."
Mittlerweile war es fast so dunkel, daß man kaum mehr etwas sehen konnte. Weiter unten allerdings fiel von der anderen Seite Licht ein.
"Da müssen wir lang." meinte Julia.
"Das habe ich befürchtet!" erwiderte Vanessa. Sie sah sich um.
"Suchst du etwas Bestimmtes?" fragte Naomi.
"Ja, etwas, worauf ich mich stützen kann."
"Ich denke nicht, daß du hier was finden wirst. Wir werden dich stützen." sagte Julia. "Nun aber los, bevor es ganz dunkel wird und das Licht dort hinten verschwindet." Julia und Naomi nahmen Vanessa in die Mitte und hielten sie jeweils an einem Arm fest. Julia lief etwas zu schnell, so daß Vanessa sie bremsen mußte. Der Weg führte ziemlich steil bergab. Sie mußten sehr aufpassen beim Gehen. Sie waren fast auf der anderen Seite angekommen, da sagte Vanessa: "Tut mir wirklich leid, aber mein Fuß und ich brauchen eine Pause."
"Ja, ich auch." meinte Naomi. Beide Mädchen setzten sich hin, nur Julia blieb stehen: "Ich geh mal gucken, wo wir sind."
Es dauerte nicht lange und Julia war wieder zurück: "Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht." sagte sie. ".Die gute Nachricht: Es regnet nicht mehr, und wir sind so gut wie zuhause. Der Weg ist eine riesige Abkürzung, so wie ich es mir gedacht hatte. Die schlechte Nachricht ist: Gleich wird es dunkel, wir müssen uns jetzt wirklich beeilen."
"Na, dann los." sagte Vanessa. Julia und Naomi packten sie wieder an den Armen. Sie kamen am Ausgang der Höhle an. Als sie draußen waren, war Vanessa so glücklich, daß sie den Boden hätte küssen können.
"Ich hätte nie gedacht, daß ich mich jemals so freuen würde, diese Gegend zu sehen!"
Ungefähr zwanzig Minuten später waren sie am Flugzeug. Sie wurden von den anderen stürmisch begrüßt und mit Fragen überhäuft, wo sie waren, was sie gemacht hatten und warum sie so lange gebraucht haben. Naomi erzählte alles ganz ausführlich. Julia schwieg. Vanessa war sofort vor Erschöpfung eingeschlafen. Die Mädchen wunderten sich sehr über die neue Rolle, die Julia eingenommen hatte.
Ob sie wohl wieder auf dem Weg der Genesung war?
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