Literaturkurs 10. Jahrgang der Kopernikus-Oberschule, Berlin-Steglitz  
 
   
Stephanie M -kleines FotoVerschollen zwischen Palmen  

 
Kapitel 7

Julia, die gerade am Strand saß und Muscheln sammelte, sprang plötzlich wie von der Tarantel gestochen auf und schrie: "Ein Schiff, kommt schnell, wir werden gerettet, endlich ein Schiff!"
Kim und Vanessa waren ganz in der Nähe, aber sie verstanden nicht, was Julia rief. Sie rannten zu ihr in der Annahme, sie hätte etwas gefunden oder sie sei gar verletzt. Julia fing wieder an zu schreien: "Ein Schiff, seht ihr nicht - ein Schiff... !"
Kim fragte: "Ein Schiff, wo denn?"
"Na dort, sie kommen, um uns abzuholen, schaut doch, die kleinen Boote werden schon runtergelassen, oh meine Güte, bin ich aufgeregt."
Vanessa und Kim sahen sich entgeistert an. Inzwischen waren auch die anderen eingetroffen. Naomi sagte ruhig zu Julia: "Julia, es ist weit und breit kein Schiff zu sehen, das existiert alles nur in deiner Einbildung."
"Nein, nein, seht doch, sie sind schon fast da, ihr wollt wohl bis an euer Lebensende auf dieser Insel bleiben. Aber ich nicht, ich werde mit den Männern im Boot zurückfahren! Oh, sind das gutaussehende Kerle! Hierher, rudert hierher!!!" Julia rannte ins Wasser hinein und fing an zu winken.

Maria war entsetzt: "Ach, die hat sie ja nicht mehr alle."
Tina meinte: "Was kann sie denn dafür, sie möchte so gerne wieder nach Hause, sie kann ihre Wünsche nicht mehr von der Wirklichkeit unterscheiden."
Eve stand nur so da und verstand kein Wort, schließlich ging sie auf Julia zu und wollte mit wildem Schulterzucken wissen, wem sie denn zuwinkte. Julia war froh, daß jemand auf sie einging, auch wenn es nur die stumme Eve war. Sie packte Eve bei den Schultern und drehte sie in die Richtung, wo eben noch ein Schiff...
"Wo ist es hin? Wo ist dieses Schiff?" schrie Julia.
Naomi kommentierte schnippisch: "Seht ihr, es ist alles wieder in Ordung. Ich würde sagen, wir lassen Julia jetzt einfach ein bißchen in Ruhe."
"Ihr habt sie verjagt, verdammt, ihr habt sie verjagt, weil ihr sie nicht sehen wolltet! Sie hätten uns doch retten können!" jammerte Julia. Sie spürte heiße Tränen in ihren Augen, drehte sich um und lief weg, so schnell sie nur konnte. Die Mädchen entfernten sich ebenfalls, langsam, eine nach der anderen. Nur Eve stand alleine im Wasser und verstand immer noch nicht, wem Julia zugewunken hatte.

Tina hatte ein schlechtes Gewissen gegenüber Julia und ging los, um sie zu suchen. Sie lief den Strand entlang und durchstöberte den Wald, aber Julia war nirgends zu finden. Tina verstand einfach nicht, was mit ihr los war. Wieso hatte sie sich in den letzten Monaten so verändert? So war sie doch früher nicht gewesen? Julias Krankheit war augenscheinlich schlimmer geworden.
Tina lief den Bach hoch bis zur Quelle und setzte sich auf einen großen Stein und ließ ihre Füße ins kalte Wasser hängen. Julia hatte sich ganz in der Nähe unter einem Farngebüsch versteckt und beobachtete Tina. Nach kurzem Zögern stand sie auf und ging auf Tina zu. Schüchtern fragte sie: "Darf ich mich zu dir setzen?"
Tina fuhr auf: "Du hast mich aber erschreckt! Komm, setz dich."
Sie schwiegen. Julia nahm kleine Kieselsteine auf und warf sie ins Wasser.
"Weißt du noch, das Spiel an unserem Ententeich?"
"Oh ja, wer die meisten Steine auf die andere Seite wirft!" nickte Tina.
"Oder, als wir vom Schlittschuhlaufen nach Hause kamen und deine Mutter immer Schokoplätzchen gebacken hat, diesen Geruch werde ich nie vergessen!" plapperte Julia hastig.
"Ja klar, auch das weiß ich noch...aber....Julia, was ist eigentlich los mit dir?" fragte Tina mit leiser Stimme.
"Ich weiß es nicht, manchmal erinnere ich mich an so viele alte Sachen ganz genau, aber Dinge, die ich gerade getan habe, entfallen mir. Ich erfahre dann nur das, was ihr mir später erzählt, wenn ihr rummeckert, was ich schon wieder angestellt habe."
Tina verspürte großes Mitgefühl für Julia und versprach, ihr nach Kräften beizustehen, wenn Julia wieder einmal nicht bei sich sein sollte; wenn sie nicht mehr Julia, sondern eine andere Person war.

Es war noch früh am Morgen, alle schliefen noch, außer Kim, die von den Strahlen der Sonne geweckt worden war. Sie stand mühsam auf und ging in Richtung Wald, um Früchte zu sammeln. Am liebsten hätte sie jetzt ein leckeres Marzipancroissant gegessen, schoß es ihr durch den Kopf. Sie entschied, sich heute besonders leckere Früchte zu gönnen. Nachdem sie ihren Hunger gestillt hatte, lief sie zurück zum Strand. Sie beobachte den Wellengang und bemerkte, wie heiß es schon geworden war.

Kim beschloß, ein wenig zu schwimmen. Sie zog ihr schmutziges, zerfleddertes Hemd aus, schaute noch einmal zum Strand und schwamm los. Ganz in der Nähe war eine kleine Felseninsel, zu der sie hinüberschwimmen wollte. Aber schon nach einigen Minuten merkte sie, wie anstrengend es war, aber sie wollte nicht so schnell aufgeben. Es waren noch einige Meter bis zur Insel, da sah sie etwas durchs Wasser gleiten und bemerkte, daß es immer näher auf sie zukam. Kim schaute noch einmal hin und erkannte voller Schrecken, daß es eine Schwanzflosse war, dreieckig, silbrig, schnell ... HAI!!!

Kim bekam Todesangst. Sie warf sich im Wasser in Richtung Strand herum und fing an, hysterisch zu schreien.

Jay wachte auf. Im ersten Moment dachte sie, sie hätte schlecht geträumt, doch dann hörte sie abermals die Schreie. Sie stand auf, blickte zum Meer und sah Kim im Wasser strampeln.
"Aufwachen, los, alle aufwachen, Kim braucht Hilfe!" brüllte Jay laut. Alle wurden ziemlich schnell von ihrem panischen Ton wach. Julia war die erste, die loslief und vor sich hinrief: "Meine Pflicht ruft, ich bin nicht umsonst Rettungsschwimmerin geworden."
Die Mädchen folgten ihr schnell. Julia rannte wie ein geölter Blitz ins Wasser und schwamm Kim entgegen. Erst da sah Vanessa die dreieckige Flosse: "Oh nein, ist das ein Hai?! Das wird sie nie schaffen!"
Julia, die gar nicht mitbekommen hatte, daß Kim von einem Hai verfolgt wurde, war kurz vor ihr. Kim schrie immer noch voller Entsetzen.
"Schwimm schneller, Julia! Du schaffst es!" Die anderen sprangen brüllend und keifend am Strand auf und ab:
"Schwimmt! Schwimmt! - Ihr schafft es!"
Der Hai kam immer näher. Nun war er nur noch fünf Meter hinter ihnen ... drei Meter ... nun war er direkt bei Julia und Kim und ... sprang mit einem Ruck keckernd aus dem Wasser.
Die am Strand stehenden Mädchen standen wie erstarrt:
"Das glaub ich einfach nicht....!" jauchzte Tina.
Die anderen fingen schallend an zu lachen. Kim und Julia, die mittlerweile den Felsen erreicht hatten und in affenartiger Geschwindigkeit daran hochgeklettert waren, wußten gar nicht, was los war. Dann drehte Kim sich um und sah, daß das Tier, vor dem sie und Julia in Todesangst davongeschwommen waren, von dem sie in jedem Moment einen Biß in den Rücken erwartet hatten, daß dieses so furchterregende Tier ein ... Delphin war, der sie freudig anschnatterte und durchs Wasser tobte.


 
 
 
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